Wang Tsung Tse

Autor: admin Art: Andere Datum: 2016-02-05 03:38 ė 6Keine Kommentare

Wang Tsung Tse
Eine unendlich traurige Geschichte vom Frühlingsfest 1912 in Shanghai – geschrieben von Nobelpreisträger Johannes V. Jensen.
Aus dem Dänischen übersetzt von Julia Koppel

Wang Tsung Tse wohnte in dem alten Chinesenviertel in Shanghai, irgendwo hinter der alten Stadtmauer, wo sonst nie ein aufdringlicher Sonnenstrahl hingeraten war; jetzt aber hatte man begonnen, die alte Mauer niederzureißen.
Statt der lieben Mauer, die immer feucht war und auf dem Grunde nach Generationen stank, die sich hier Zeit gelassen hatten, und statt des Grabens davor, der im Frühjahr tote Katzen mit dem Leib nach oben an die Oberfläche brachte, gähnte ein großes Loch in der Stadt, das im Verhältnis zu dem, was niedergerissen worden war, einen erstaunlichen Umfang hatte, ebenso wie das Loch nach einem eben ausgezogenen Zahn, das bekanntlich das größte der Welt ist. Und hier auf diesem Bauplatz, der noch von muffigem Kalkstaub rauchte, auf dem Bettler und Kinder auf allen vieren nach alten Nägeln suchten oder um die Wette mit Hunden unbeschreibliche Dinge aus dem grünen, dickflüssigen Sumpf fischten – dem letzten Rest des mit Mauerschutt zugeworfenen Stadtgrabens -, waren bereits einige Dutzend Geschäfte unter offenem Himmel gegründet worden: ein ambulanter Topfhändler, mit einem Lager von so riesengroßen Tongefäßen, daß ein schiefäugiger Diogenes darin übernachten konnte, was auch vorkam, fliegende Barbiere und Restaurateure, die sich hier festbissen und Besitzrecht erschlichen, außerdem natürlich Horden von Rikschakulis, jenes unanständige Volk, das immer Eile hat; ein Marktplatz war drauf und dran, hier zu entstehen, ein greller Ort mit viel Platz und Sonne und weiter Aussicht bei Tage, und ohne Erquickung, nicht einmal des Nachts. Wo sonst nur Dachgetröpfel und Katzenmusik die Stille hinterm Wall unterbrochen hatten, gab es jetzt Tag und Nacht Hallo- und Menschengeschrei; man mordete sich gegenseitig auf dem bequemen offenen Platz, und gegen Morgen, wenn selbst Diebe und Räuber schliefen, konnte man das Stöhnen von einer Vergewaltigung oder einer heimlichen Niederkunft hören.
Wang hatte einen schlimmen Nachbar bekommen, denn dem gähnenden Mauerloch gegenüber, auf der anderen Seite eines Boulevards, auf dem man die Platzangst bekommen konnte, türmten sich die Häuser des französischen Stadtteiles, die gotteslästerlichen und kahlen, überall durchfensterten und erleuchteten Häuser der Weißen. Eine nette Aussicht als Zugabe zu dem frechen Himmel.
Das schlimmste aber war doch, dass Wangs eigenes Haus bloßgelegt worden war. Vor dem, was man nicht sehen will, kann man die Augen niederschlagen, wie aber soll man sich selbst decken, wenn einem der Mantel der Barmherzigkeit von der Fassade fortgezogen wird? Die Mauer war fort, und unter dem vielen Himmel, der das Licht auf eine blendende, ja, geradezu rohe Weise hereinließ, lag Wangs kleines Haus und krümmte sich nach der einen Seite, als ob es fürchterliche Stiche habe. Wang geht ungern am Tage aus, weil man seine Tür immer sehen kann, selbst wenn er sie geschlossen hält. Wang hasst alles Auffällige. Bisher hat er seinen Lebensunterhalt im stillen verdient, jetzt aber geht es bergab mit ihm.
Wang ist Flohfallenmacher. Er macht die winzig kleinen Fallen aus Bambus, die ins Bett gelegt werden, in Form von ganz kleinen Hummerscheren, die auch ungefähr auf dieselbe Weise fungieren, mit einem klebrigen Stift in der Mitte. Sein Vater und sein Großvater waren Flohfallenmacher gewesen, Künstler in ihrem Fach, ebenso wie Wang; jede Falle, die ihren Weg aus dem alten Hause fand, hatte Segen gebracht. Wang war ebenso arm wie sein Vater, dessen ganze Freude es gewesen war, die Fallen so gut und hübsch wie möglich zu machen; er liebte seine Arbeit. Auch Wang liebt seine Arbeit und sitzt am liebsten in der kleinen schwarzen Werkstatt und hantiert mit dem alten, verbrauchten Werkzeug und feilt und putzt seine Fallen. Wenn eine fertig ist, findet er immer, dass die nächste noch besser und niedlicher werden muß. Er macht die kleinen Gitterstangen, indem er das Bambusrohr durchbricht und an den Enden, wo ein Glied ist, Holz stehen läßt. Wang schnitzt jede kleine Gitterstange achteckig im Durchschnitt, was gar nicht nötig ist, aber es macht ihm nun einmal Spaß. Zu Lebzeiten seines Vaters pflegten die Käufer von selbst zu kommen; das alte Haus hatte nicht einmal ein Schild; und auch Wang wurde nicht vergessen. In der letzten Zeit aber, seit das Haus bloßgelegt worden war, merkte er, dass seine Kundschaft ausblieb. Dabei ließ sich natürlich nichts machen, weder für noch gegen; aber Wang hatte weniger zu essen. Dies und die schlimme neue Aussicht und noch einige Umstände, die er sich allerdings selbst nicht klarmachte, trugen ihr Teil zu Wangs Verstimmung bei. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Zopf, der seinen Kopf nicht mehr schmückte…natürlich, heutzutage ging ja niemand mehr mit einem Zopf, und wozu sich an die beschämende Weise erinnern, auf die er ihn losgeworden war? Außerdem waren ihn ja alle auf dieselbe Weise losgeworden: man war eines Abends, als man sich noch spät auf die Straße gewagt hatte, von einem revolutionären, fortschrittsfreundlichen Haufen überrascht und zum letztenmal an dem unseligen Kopfputz gezerrt worden; mit seinem ganzen Gewicht wurde man daran durch den Schmutz gezogen, und schließlich war er abgeschnitten und, wie es hieß, nach Europa geschickt worden, wo einige heidnische Frauen glücklicherweise dadurch an der Pest erkrankt waren – er selbst aber hatte keinen Zopf mehr und konnte morgens nichts mehr kämmen und flechten, sondern musste sich damit begnügen, mit dem Buchsbaumkamm durch einige Stoppeln zu fahren, die keinen Widerstand leisteten; man zog die Kopfbedeckung tief über die Ohren und kehrte den Leuten ungern den Rücken, lieber die Fassade zu, obgleich auch die nicht zu schön war; man überlebte es, denn alle überlebten es, aber…
Ach ja, die Opiumpfeife, die er auch nicht mehr hatte. Sie war tot. Wang erinnerte sich ihrer wie eines lebenden Wesens, eine alte, dicke, dunkle Opiumpfeife mit einem Mundstück aus Elfenbein, eingeräuchert, braun und süß wie eine frische Kastanie, und mit einem alten köstlichen Steinkopf, angefüllt mit den schwarzen Krusten eines ganzen Menschenalters; sie hatte Wangs Vater gehört, mit ihr in seiner Knochenhand war er gestorben, zum letztenmal lächelnd wie ein Kind, das saugend an der Mutterbrust eingeschlafen ist; sie war von seinen Lippen abgenützt. Nichts in der ganzen Welt schmeckte wie sie; während der vielen Jahre, wo Wang allein gelebt hatte, war sie ihm Vater und Mutter, war geheimer Teilnehmer an der Verschwörung zu dreien gewesen: Wang, die Flohfallen (nämlich die Arbeit, in der seine ganze Seele lag), und die Pfeife – und diese Pfeife hatte man verbrannt. Er hatte sie selbst verbrannt. Man hatte ihn ja gezwungen, zur Anti- Pfeifenversammlung zu gehen, mit einem großen Haufen zu johlen und im Triumph mit der alten, unersetzlichen väterlichen Pfeife, die beinahe der Alte selbst war, angelaufen zu kommen, sie ins Feuer zu werfen und mit einem Plakat herumzugehen, auf dem der schwarze Rauch geschmäht wurde. Dazu hatte er sich gezwungen gefühlt. Warum? Weil alle anderen es taten. Jetzt aber war er ohne Pfeife. Statt dessen hatte er sich an Tabak gehalten, eine Messingpfeife, in der er wie andere Kulis Tabak rauchte. Er zog gut, aber drang nicht bis ins Herz. Bisweilen, wenn Wang einsam über seine Arbeit gebeugt saß und die letzten seltsamen Jahre überdachte, nüchtern, denn seit Monaten hatte er ja kein Opium mehr geschmeckt, begann es in seinem Hinterkopf zu sausen, die Entbehrung des schwarzen Rauches, den er geschmäht hatte, und dann war es ihm, als ob er ein einzigesmal in seinem Leben, und zwar recht bald, etwas tun müsste, was alle anderen nicht taten…
Darum geschah es an dem chinesischen Neujahrstag, dem einzigen und allgemeinen Festtag des Jahres, wo alle Welt sich was zugute tat und die Sorgen des Jahres in Feuerwerk aufgehen ließ, dass Wang Tsung Tse sich auf entgegengesetzte Weise wie alle andern Luft machte, wie eine Rakete, die in die Erde schlägt. Die Veranlassung war folgende:
Wangs Nachbar, der Gerber Fung, kam am Neujahrsabend und schenkte Wang eine Papierlaterne. Das sollte, wie man wohl annehmen darf, eine Höflichkeit sein, und unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte es Wang sicher auch als solche aufgefasst. Die beiden Nachbarn hatten sich während vieler Jahre, obgleich beide arm waren, tiefe gegenseitige Achtung bezeigt. Wang verbeugte sich und drückte sich selbst ehrerbietig die Hand, wenn er Fung sah, und Fung machte ein Kotau und drückte sich hochachtungsvoll die Hand, wenn er Wang begegnete. Die Papierlaterne war eine Artigkeit, die indessen den Haken hatte, dass Fung kinderlos war, denn jeder weiß, dass der, der von einem Manne eine Neujahrsgabe bekommt, selbst kinderlos bleiben wird. Wang war allerdings noch unverheiratet, aber er hatte keineswegs die Absicht, als Junggeselle ins Grab zu steigen, denn wer sollte ihn begraben und Räucherkerzen nach seinem Tode für ihn verbrennen? In alten Tagen, bevor das Loch in der Mauer war, hätte Wang das Geschenk wahrscheinlich trotz der damit verbundenen Gefahr angenommen und das böse Wahrzeichen in einer Extrapfeife Opium begraben; jetzt aber war er nüchtern, das alte Jahr ging damit zu Ende, dass er gerade hungrig zu Bett gehen wollte, als Fung kam; er hatte den ganzen Tag keinen Reis gehabt. In dieser Stimmung empfand er die Gabe als eine Taktlosigkeit und schlug sie aus. Fung zog sich sprachlos mit seiner Papierlaterne zurück.
Eine Stunde später, als Wang mit leerem Magen, mitten in einer Freudenwoge von Feuerwerk, Festschüssen und Bomben in der ganzen Stadt, eingeschlummert war, erwachte er dadurch, dass man ihn, in Ermangelung des Zopfes, an beiden Ohren aus dem Bette zerrte, auf den Platz vor seinem Hause, wo die Mauer gestanden hatte, schleppte und mit Stöcken verprügelte; im Schein der Raketen und durch ein geschwollenes Augenlid sah Wang, dass es der Gerber war, der mit Hilfe einiger Freunde die ihm durch Wang widerfahrene Schmach abwusch.
Noch in derselben Nacht, etwas nach zwölf Uhr, fand Fung den Flohfallenmacher sterbend in seinem Flur, ein Ereignis, das um ein Haar Fungs Haus Glück und Segen gekostet hätte, denn es ist das schlimmste, was einem Mann geschehen kann, dass jemand innerhalb seiner Wände stirbt.
Wang hatte für sechzig Cent Opium auf einaml genommen, nachdem er seine Hosen versetzt hatte.
Ein unwiderstehliches Verlangen zu sterben war über ihn gekommen. Nachdem er und das alte Haus ihre Fassade verloren hatten, war ihm, wie einem weinenden Kinde, sein Vater und die alte Opiumpfeife eingefallen. Er hatte seine Schande hinuntergeschluckt und war zu der Pfeife, seinen Vorfahren und dem alten schattigen Dasein, den langen Nächten hinter der Mauer, zurückgekehrt, wo das Dachgetröpfel ihm die Ewigkeit ausmaß – und gleichzeitig wollte er natürlich Fung dadurch Schaden zufügen.
Aber es gelang Wang Tsung Tse nicht, das Haus des Gerbers mit seiner Leiche zu besudeln, denn Fung entdeckte ihn rechtzeitig, als noch etwas Leben in ihm war, und schleppte ihn schleunigst zum Bauplatz vor sein eigenes elendes, schiefes Haus hinaus. Hier, in dem Loch der Mauer, das der Anfang zu Wangs Erniedrigung gewesen war, auf einem Lager von Mauerbrocken und in einem milden Aschenregen des Feuerwerks, womit man das neue Jahr immer noch feierte, verendete Wang Tsung Tse.
Und jetzt ist Wang tot.

0
Information zum Copyright: Original fit fuer China – fit mit China
Titel dieses Beitrags: Wang Tsung Tse
Link zu diesem Beitrag: http://www.chinafit.info/?p=125 fit fuer China – fit mit China
Voriger Beitrag:
Folgender Beitrag: Keine mehr

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


ƔNach oben