Alltag der Chinesen

Autor: Loiwelsoed Art: Tipps zum … Datum: 2014-08-20 01:39 ė 6Keine Kommentare

Der Kampf um das taegliche Ueberleben ist fuer die meisten Chinesen hart. Im Berufsleben um Einkommen und Aufstiegschancen, fuer Junge um die eigene Familiengruendung, fuer Alte um die Gesundheitsversorgung, fuer Kinder um den Schulerfolg. Die Probleme resultieren aus dem Missverhaeltnis von Angebot und Nachfrage, der Luecke zwischen Bedarf und Ressourcen sowie der grossen Anzahl von Mitbewerbern auf Schritt und Tritt. Verbreiteter Konformismus traegt mit dazu bei, dass alle immer dasselbe wollen, an den gleichen Futtertrog streben.

Der Besucher leidet unter der ruecksichtslosen Draengerei, der Gleichgueltigkeit gegenueber Fremden, verbreitetem Duckmaeusertum gekoppelt mit blind egoistischem Verhalten wie beim Wegwerfen von Abfall und wertet sie als Ausdruck fehlenden Gemeingeistes. Schaetzenswerte chinesische Charakterzuege sind das starke Kommunikationsbeduerfnis zwischen Arbeitskollegen, Freunden und Familienmitgliedern, verbreitete Froehlichkeit, die sich in herzlichem Lachen Ausdruck verschafft und grosse Einfuehlsamkeit vieler, die „mit dem Herzen denken“ wie eine haeufig gebrauchte chinesische Alltagswendung sagt.

Wohl jeder reist mit gewissen Erwartungen an das Essen nach China. Frequentiert man chinesische Lokale zuhause wird man auf der Tafel in China nach Bekanntem suchen und dieses nur schwer wiederfinden, Fruehlingsrolle, suess-saure Ente und acht Schaetze sucht man meist vergebens. Die echte chinesische Kueche ist immer eine Regionalkueche mit entsprechender Geschmacksnote und Leitgerichten. Eine unvollstaendige Aufzaehlung: Peking (eigentlich ShanDong-Kueche), salzig-sauer, Pekingente; DongBei (Nord-Ost), salzig, derbe Eintoepfe, die Sauerkraut und Kartoffeln beinhalten koennen; Uighurisch, moslemisch mit Kreuzkuemmel (Kumin) gewuerzte Lammspiesse und knusprig gebackenes Brot; Nord-West, scharf, handgezogene Nudeln; Sichuan, scharf mit Bergpfeffer, Mapo-Doufu in scharfer Sauce; ChongQing, scharf, Innereien-Feuertopf; HuNan, scharf mit Chilli, doppelt gebratener Schweinebauch; WuXi, suess, Schweinerippchen in suesser Sauce, die Nachbarstaedte Suzhou und Shanghai folgen aehnlichen Rezepten; Hangzhou, mild, besoffene Shrimps, die in dampfendem suessem Reiswein das Schicksal ereilt; ChaoZhou, mild, nahrhafte Suppen mit Schweineknochensud, Meerestieren und Gemuese; kantonesisch, mild, mit kleinen gedaempften Gerichten (DimSum); YunNan, Wildgeschmack mit wilden Tieren und Pilzen.

Die digitale Kommunikation hat in China allgemein Einzug gehalten, SMS, chat, Computerspiele und digitale Musik gehoeren zum Alltag fuer jung und alt und verkuerzen die Zeit beim endlosen Weg in die Arbeit mit den Oeffis. Immer mehr benuetzen das eigene Auto und sorgen fuer Staus, in denen sie dann ebenfalls der digitalen Kommunikation froenen koennen. Handy-Etikette gibt es keine, man fuehrt ungeniert immer und ueberall Gespraeche und schickt SMS. Das gleiche gilt fuers Rauchen, das erst seit kurzem in oeffentlichen Verkehrsmitteln und nur theoretisch auch in oeffentlichen Raeumen verboten ist. So wie den Schnaps teilt man auch die Zigaretten immer mit allen Anwesenden. Viele haben die naechste Zigarette hinter dem Ohr stecken, man ist allgemein sehr erfinderisch wenn es um die Erleichterung des Alltagslebens geht. Man traegt die Schluessel an einem Karabiner am Guertel und im Winter gestrickte Ohrlaeppchenwaermer. Es gibt Schirmmuetzen mit eingebautem, solarbetriebenem Ventilator. Die Toilettentueren stehen immer offen, das Papier ist einer grossen Rolle am Eingang zu entnehmen. Auf der Toilette wird das benuetzte Papier nicht in die Toilette geworfen, sondern in einen Papierkorb daneben. Diese Sitte stammt noch aus einer Zeit, als der Toiletteninhalt taeglich von Bauern auf ihren Feldern entsorgt wurde. Wenn mehr als drei Personen das gleiche Ziel haben wird aus Prinzip gedraengt als ginge es ums Leben, beim Autofahren faehrt man zuerst zu und schaut erst hinterher, z.B. wenn man in eine andere Strasse einbiegt. Die chinesischen Strassen sind die unsichersten der Welt, auf Grund der allgemein geringen Geschwindigkeit zum Glueck meist nur Blechschaeden. Die traditionelle chinesische Hoeflichkeit hat durch die lange kommunistische Herrschaft gelitten, in Taiwan wird sie noch mehr gepflegt. Dafuer ist man auf dem Festland natuerlicher. Gelacht wird ueberall viel Geschimpft regional unterschiedlich, manche Staedte sind fuer die Heissbluetigkeit ihrer Bewohner beruechtigt, etwa NanJing, ChangSha oder ChongQing. Auslaendern gegenueber ist man in der Regel tolerant, freundlich und neugierig. Gestohlen wird in ertraeglichem Rahmen und selten mit roher Gewalt. Kollektive Zivilcourage gegen Verbrecher in der Oeffentlichkeit wie in Verkehrsmitteln oder auf der Strasse ist relativ gross. Vielleicht liegt es an der verbreiteten grossen Menschendichte, dass die Diebe, soferne sie bemerkt werden, meist gefasst werden. Eine beliebte Freizeitbeschaeftigung ist das aus Japan importierte Karaoke-Singen. Es dient zum Abreagieren von Stress – und so klingt es meistens auch, wenn nicht gerade ein Virtuose seine Stimmbaender zum Klingen bringt.

Koerperliche Beruehrung zwischen den Geschlechtern ist eher tabu, das Haendeschuetteln zur Begruessung ist ueblich, kann aber zwischen Maennern und Frauen auch entfallen. Statt dem Haendeschuetteln kann man auch seine eigenen Haende fassen und sich dazu leicht verbeugen. Dagegen ist der zulaessige Koerperabstand ein geringerer als im Westen, verstaendlich angesichts der Menschenmassen in Einkaufsstrassen, auf Bahnhoefen und Flughaefen. Die Intimitaet zwischen Frauen scheint wie Solidaritaet in einer Maennerwelt, Haendchenhalten, uebers Haar streichen und gemeinsam aufs WC gehen sind gang und gaebe. Maennliche Verhaltensweisen sind dagegen Rauchen und Schnaps trinken. Beim Karten und Majong spielen stellt sich trauliche und laute Gemeinsamkeit zwischen den Geschlechtern ein. Mann und Frau sind gleichermassen empfaenglich fuer Spielsucht. Macao hat davon profitiert und Las Vegas ueberholt.

Die Familie ist fuer die meisten der alles bestimmende Mikrokosmos und beliebtestes Gespraechsthema. „Wieviele Kinder haben Sie?“, ist eine ganz uebliche Konversationsfrage, auch bei ersten und fluechtigen Begegnungen. Die Erziehung des meist einzigen Kindes die groesste Sorge im Leben. Die Erwartungen an die Schule sind hoch und werden meist enttaeuscht. Unter Lernen versteht man Auswendiglernen. Problemloesung, Phantasie und Kreativitaet geniessen keinen hohen Stellenwert.

Die eigenen vier Waende als Behausung und mit vier Raedern als Auto sind das oberste Kriterium fuer persoenlichen Erfolg. Ohne diese ist fuer Maenner eine Heirat kaum moeglich, denn die Frauen erwarten diesen Grad an materieller Sicherheit. Und die Frauen sitzen am laengeren Hebel, denn sie sind auf Grund der Ein-Kind-Politik bereits in der Minderzahl. Fuer die Eltern von Soehnen ein hoher Druck, den Knaben mit diesen Insignien des Wohlstands auszustatten. 500.000 RenMinBi am Land und ab 1.000.000 in der Stadt wollen investiert sein, um dem Sproessling einen standesgemaessen Start ins Leben zu sichern. Kein Wunder, dass die juengere Generation ein Leben lang die moralische Verpflichtung fuehlt, ihrerseits die Eltern finanziell zu unterstuetzen. Geld ist daher eine der staerksten Triebkraefte.

Anerkennung und „Gesicht“ rangieren ebenfalls hoch, noch ueber Selbstverwirklichung, die unter dem Druck des Alltagslebens zurueckstecken muss. Verbale Anerkennung in der Bezugsgruppe und Statussymbole helfen bei der Wahrung des Gesichtes. Sowie die Vermeidung von Situationen, die zu einem Gesichtsverlust fuehren koennen. Die Sprache ist reich an Floskeln, die Gesicht geben. Verbale Anerkennung dem auslaendischen Besucher gegenueber ist nicht woertlich sondern rein als Hoeflichkeit und im besten Fall als Sympathie zu interpretieren. Die Beliebtheit internationaler Luxusmarken kommt dem Beduerfnis nach Gesicht verleihenden Statussymbolen entgegen. Chinesische Beamte geraten da in ein Dilemna. Sie lieben die Statussymbole, laufen damit aber Risiko, ihre Korruptheit zu offenbaren, denn ihr offizieller Gehalt reicht mit Sicherheit nicht zur Anschaffung von Rolex&Co. Der Markt hat auch dafuer eine Loesung geschaffen: die High-End Kopien, aeusserlich kaum von den Markenprodukten zu unterscheiden, aber preislich nur ein Zehntel davon. Der erfolgreiche chinesische Buerokrat von heute verfuegt in seinem Sortiment von Marken-Accessoires ueber echte und gefaelschte, die er alternierend zur Schau stellen kann, um so von seiner Verderbtheit ablenken zu koennen.

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